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Annette Kurschus wirbt für mehr Fehlerfreundlichkeit, denn Fehler machen gehöre zum Menschsein: "Wir irren, wir liegen schief, wir verrennen uns, wir schätzen Situationen falsch ein."
"Ich beobachte, wie wir es in den großen Nöten der Gegenwart immer weniger verstehen, aufrichtig und menschlich, ernsthaft und barmherzig mit Irrtümern und grundsätzlicher Fehlbarkeit umzugehen", heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Aufruf der westfälischen Präses: "Sowohl mit unseren eigenen Irrtümern wie mit der Fehlbarkeit anderer."
Niemand traue sich, Fehler zu machen und niemand wage, einen Irrtum zuzugeben, fügte Kurschus hinzu: "Das lähmt und beschämt und blockiert." Fehler machen gehöre jedoch zum Menschsein: "Wir irren, wir liegen schief, wir verrennen uns, wir schätzen Situationen falsch ein." Manchmal bleibe das einigermaßen folgenlos, manchmal ende es dramatisch, tragisch, unverzeihlich, ob im Politischen oder im Privaten, so die Ratsvorsitzende.
In den aktuellen schweren Krisen werden laut Kurschus gewaltige Umorientierungen von den Menschen verlangt: "Sie nötigen uns, vieles anders zu sehen und anders zu machen und anders zu verstehen als bisher." Dieser Wandel zwinge dazu, bisherige Sichtweisen und Meinungen zu korrigieren, womöglich sogar mehrmals. Kurschus: "Warum ist das bloß so schwer?"
Helfen könne dabei, Gott um Wegweisung für das eigene Leben zu bitten. Am Ende seien es nicht Algorithmen oder Computerprogramme, die das entscheidende Wort sagen oder die entscheidende Tat vollbringen, sondern Menschen. "Hoffentlich solche, die um ihre Fehlbarkeit wissen und Irrtümer eingestehen können. Vielleicht sogar solche, die sich damit an Gott wenden", erklärte die westfälische Präses weiter.
Der Buß- und Bettag mache Mut, vom eingeschlagenen Weg umzukehren, statt ihn mit zusammengebissenen Zähnen weiterzugehen, die gehabte Meinung zu ändern, statt sie grimmig zu verteidigen, getroffene Entscheidungen zu überdenken, statt sie eisern durchzuziehen. Kurschus: "Meine Erfahrung ist: Beten hilft dabei. Um Gottes Hilfe bitten. Gott wird hören, Gott wird hinsehen, und Gott wird sich hören lassen, das glaube ich gewiss."
Der Buß- und Bettag ist ein evangelischer Feiertag. Er gehört zu den sogenannten beweglichen Feiertagen und findet jedes Jahr am ersten Mittwoch nach dem Volkstrauertag statt, in diesem Jahr am 16. November. 1995 wurde der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag zur Finanzierung der Pflegeversicherung in allen Bundesländern außer in Sachsen abgeschafft. Die evangelische Kirche bezeichnet die Abschaffung bis heute als Fehlentscheidung. In Bayern haben Kinder schulfrei, sodass viele Eltern einen Urlaubstag nehmen müssen.
Doch auch wenn der Bußtag kein staatlicher Feiertag mehr ist, hat er seinen festen Platz im Kirchenjahr nicht verloren. Er ist ein Tag der Umkehr, der Neuorientierung und dient auch dem Nachdenken über gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Viele Gemeinden laden meist am frühen Abend zu Andachten ein, um Berufstätigen die Teilnahme zu ermöglichen. In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie im Saarland gilt ein Tanzverbot.
Ursprünglich wurden Bußtage aus aktuellen Anlässen ausgeschrieben, wie etwa während des Dreißigjährigen Krieges. Sie hatten öffentlichen Charakter: Die gesamte Bevölkerung wurde angesichts von Notständen und Gefahren zu Buße und Gebet aufgerufen. Im 19. Jahrhundert verständigten sich die evangelischen Landeskirchen auf die Einführung eines allgemeinen Buß- und Bettages am Mittwoch vor dem letzten Sonntag des Kirchenjahres - dem Ewigkeitssonntag oder Totensonntag.