Theologin: Kyrills Kriegskurs keine Überraschung

Patriarch Kyrill I.

© Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Je länger der Krieg in der Ukraine dauere, umso mehr radikalisiere sich der russisch-orthodoxe Patriarch, sagt Osteuropa-Expertin Regina Elsner.

Patriarch unterstützt Putin
Theologin: Kyrills Kriegskurs keine Überraschung
Der Moskauer Patriarch Kyrill I. unterstützt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Krieg gegen die Ukraine nach Einschätzung der Osteuropa-Expertin Regina Elsner nicht nur, um Repressionen abzuwenden.

In vielem von dem, was Kyrill sage, müsse er gar nicht so weit gehen, wie er es tue, sagte die katholische Theologin der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". "Etwa in dem Versprechen, dass allen russischen Kämpfern, die in der Ukraine fallen, sämtliche Sünden vergeben werden", nannte Elsner als Beispiel. Das sei aus theologischer Sicht hanebüchen und erinnere an die Kreuzzüge oder an den radikalen Islamismus.

Je länger der Krieg in der Ukraine dauere, umso mehr radikalisiere sich der russisch-orthodoxe Patriarch, sagte Elsner. Er begründe seine Kriegspropaganda theologisch beispielsweise mit der Apokalypse. "In seiner Doktrin ist das heilige Russland die letzte moralisch saubere Bastion, die den Antichrist noch aufhalten kann", erläuterte Elsner, die am Lehrstuhl für Ostkirchenkunde und Ökumenik der Universität Münster lehrt.

Verbreitete Unkenntnis in religiösen Dingen in der russischen Bevölkerung erleichtere Kyrill die Verbreitung seiner Botschaften, erklärte die Theologin: "Diese Unkenntnis macht empfänglich für mystische Erzählungen, Wunderglauben und Verschwörungstheorien." Sie sei eine Folge davon, dass die Menschen in der Sowjetunion kaum religiös gebildet worden seien.

Für Elsner ist Kyrills Haltung keine Überraschung. Seinen ideologischen Hauptgedanken zufolge finde ein entscheidender Kampf zwischen liberalen und traditionellen Werten statt, sagte die Theologin. 1999 habe er darüber einen programmatischen Artikel veröffentlicht. "Die westlichen Kirchen hätten schon damals nachlesen können, welchen Kurs der spätere Patriarch da fährt.", sagte sie.

Mehr zu Krieg
Menschen flüchten vor der Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020. Das Foto ist echt. Solche Motive werden mit Bezug zum Ukrainekrieg oder zum Nahostkrieg verbreitet
In unserer digitalisierten Welt können Informationen zur Waffe werden: Kriegsparteien lancieren Fake News, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Faktencheckerin Christina Quast weiß, wie man sie erkennt
Taube mit Zweig
Geplant ist unter anderem am 23. Februa, dem Vorabend des zweiten Jahrestags, ein Mahngang in Berlin, der vom Brandenburger Tor zur russischen Botschaft führen soll, wie die Evangelische Friedensarbeit im Raum der EKD donnerstags mitteilte.